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Warum machen wir eigentlich Musik?





Ich habe einen Schüler, der voller Begeisterung einfach für sich ein paar Songs übt, der seinem Lehrer über die Schulter schaut, um Tricks und Kniffe zu lernen und einfach vor sich hin improvisiert. Weil es ihm Spaß macht. Nicht wegen eines Auftritts.

Und dann gibt es die Anderen, die immer auftreten wollen. Leider sind es auch oft diejenigen, die hinterher ständig wissen wollen: War ich gut? War ich gut zu hören? Wie waren wir im Vergleich zu …? Diese Einstellung und Entwicklung gipfelt am Schluss in Fernsehsendungen wie DSDS. Da geht es nur noch um Performance.

Meiner Meinung nach hat damit Musik ihre Seele verloren. Wenn wir einfach so Musik machen, dann kommen wir mit einer Schicht unseres Bewusstseins in Verbindung, die wir sonst ganz selten berühren. Manchmal kommen wir in einen Flow, wo wir ganz in der Gegenwart sind. Wir denken an nichts anderes mehr, wir sind einfach im Hier und Jetzt. Wenn wir dies nun als Gruppe, in einem Chor oder einer Band, erleben, dann ist das ein Erlebnis, das wir fast nirgends anders erleben. Und im Unterschied zum Erlebnis im Fußballstadion wissen wir: Wir können nicht verlieren!

Wenn wir aber immer fragen: Wie wirke ich? Bekomme ich es fehlerfrei hin? Was werden die Zuhörer über unseren Musikstil denken? Dann verlieren wir komplett diesen Draht zu uns selbst.

Musik ist für mich ein Geschenk Gottes. Eine fast spirituelle Ebene, die über alles Praktische oder Nützliche hinausgeht. Natürlich gibt es Gebrauchsmusik – Musik, die motiviert, um mehr Dinge in den Einkaufskorb zu packen oder im Gleichschritt in den Krieg zu ziehen. Aber das innerste Wesen von Musik ist nicht rational. Selbst der kühlste Kopf kann bei bestimmten musikalischen Erlebnissen, wie Händels großem Halleluja live von fantastischen Musikern vorgetragen, völlig emotional werden. Um diese Erlebnisse zu schaffen, müssen Musiker natürlich live auftreten. Und dagegen ist auch überhaupt nichts zu sagen.

Worum es mir aber geht: Ein Musiker sollte in erster Linie Freude an der Musik spüren können. Sonst ist er nur noch ein Geschäftsmann, der Ware verkauft. Und so kommen mir ganz viele Musiker vor, egal ob in den Medien oder bei kleinen Dorffesten. Wer nie die Freude am gemeinsamen Musizieren erlebt, ganz ohne Zweck, der ist eigentlich arm dran, denn er verpasst das Eigentliche: diesen Einbruch des Überrationalen, Spirituellen in seine Welt, den die Musik geben kann, wenn wir einfach in ihr aufgehen – ohne Hintergedanken an Andere.


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